Trauerkultur

Beim Tod eines nahen Angehörigen stürzen die Hinterbliebenen in eine absolute Ausnahmesituation. Der Umgang mit Trauernden erfordert hohes Einfühlungsvermögen, Achtsamkeit, Kompetenz, Zeit und Raum. Gerade aber in dieser schweren Zeit müssen derart wichtige Entscheidungen getroffen werden.

Entscheidungen, die mit dazu beitragen werden, ob und auf welche Art und Weise die Trauer, der schmerzliche Verlust be- und verarbeitet werden kann: die Gestaltung der Trauerfeier, die Wahl über Bestattungsart bis zum Bestattungsort.

Den Abschluss findend, in der bewussten Auswahl und Gestaltung der Grabanlage, dem Setzen des Schlusssteines.

Nehmen Sie sich Zeit, Zeit für bewusste Entscheidungen. Viel Zeit. So viel Zeit, wie Sie für sich und die Trauer um Ihren geliebten Verstorbenen benötigen. Darauf haben Sie Anspruch. Niemand soll und darf Sie zu schnellen Entscheidungen drängen.

Unsere Gesellschaft projiziert immer mehr das Bild des jungen, gesunden und leistungsfähigen Menschen zum einzig gültigen Leitbild. Das Altern und Sterben wird aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Diese daraus resultierende Unfähigkeit sich mit dem eigenen Sterben und mit dem Tod eines geliebten Menschen auseinander zu setzen, macht viele von uns gelähmt und hilflos.

Der respektvolle, würdige Umgang mit unseren Verstorbenen bedingt das Wissen und Pflegen von Kultur. Deshalb brauchen wir notwendig das Grab an sich, heute vielleicht sogar dringlicher als früher. Die Grabstätte, als die in unserer Zeit vielleicht als einzige begreifbare Antwort auf die universelle Frage:

Wo sind unsere Toten?

Führt denn nicht unser materialistisch geprägtes Weltbild, in welcher der Mensch als simpler Konsument im Vordergrund steht, zu einer bloßen Vorstellung des Todes als nicht mehr nutzbaren Endpunkt? Eine trostlose Vorstellung. Ein Trauerspiel.

Im Grunde ist es ein urmenschliches Bedürfnis von seinen Mitmenschen respektiert, geachtet und geliebt zu werden. Jeder wünscht einen Platz im Herzen seiner Lieben innehalten zu dürfen. Einen kleinen, aber festen Platz. So bedeutet es einen unsagbaren Selbstbetrug, und gegenüber unseren Mitmenschen pure Ungerechtigkeit, zu glauben, dass nach unserem Tod deren emotionale Sehnsucht plötzlich endet.

Der Friedhof, das Grab und seine Gestaltung sind dauerhafte Zeichen menschlichen Daseins, zwischenmenschlicher Liebe. Sie legen Zeugnis ab von einer stetigen Beziehung zwischen Tod und dem Lebendigen, Trauer und Kultur.

Das Grabmal soll ein individuelles Zeichen sein. Es wird die Daten einer gelebten Existenz, die Essenz einer Biografie sichtbar machen und die Trauernden trösten. Ein sinnvolles Grabmal verkörpert die Identität, die Individualität und den Wesenscharakter des Verstorbenen, um die Erinnerung an ihn zu erhalten. Weit über den Tod hinaus, um mit ihm in Verbindung zu bleiben.

Als Wahrzeichen der Trauer, des Verlustes und des "Sich-verlassen-Fühlens", nimmt das Grabmal den Platz des Verstorbenen ein, als Erinnerungsmal für die Hinterbliebenen.

Denn tot ist nur, an den niemand mehr denkt, an den keine Erinnerung mehr verbleibt.

Ihre Sylke Lambert

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